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autonome Interpretation

"Aussi bien, quand nous prononçons le mot de vie, faut-il entendre qu'il ne s'agit pas de la vie reconnue par le dehors des faits, mais de cette sorte de fragile et remuyant foyer auquel ne touchent pas les formes. Et s'il est encore quelque chose d'infernal et de vèritablement maudit dans ce temps, c'est de s'attarder artistiquement sur des formes, au lieu d'être comme des suppliciès que l'on brûle et qui font des signes sur leur bûchers." (*1)
("Wenn wir das Wort Leben aussprechen, handelt es sich nicht um das Leben, wie es sich in der Äußerlichkeit der Dinge zeigt, sondern um jene zerbrechliche und lebendige Flamme, die die Formen nicht berührt. Und wenn es in dieser Zeit noch etwas Höllisches und wirklich Verfluchtes gibt, so ist es, sich künstlerisch mit Formen aufzuhalten, anstatt wie Hingerichtete zu sein, die man verbrennt und die auf ihren Scheiterhaufen Zeichen geben.")


Mit Bezug auf das Artaud Zitat kann man sagen: wir sind Verurteilte, die auf ihren Scheiterhaufen Zeichen geben müssen.
Zeichen, die notwendigerweise in einem Designationsprozess vom Empfänger derselben dekodiert werden, um dabei ihre Bedeutung zu bestimmen, da "Zeichen für etwas stehen, das für jemanden in irgendeiner Hinsicht oder auf Grund irgendeiner Fähigkeit (zu einem bestimmten Zeitpunkt) für etwas anderes steht. In irgendeiner Hinsicht bedeutet, das ein Zeichen oder Zeichenkomplex nicht die Totalität eines Gegenstandes repräsentiert, sondern ihn vermittels unterschiedlicher Abstraktionen nur von einem bestimmten Gesichtspunkt aus oder in Hinsicht auf einen bestimmten praktischen Zweck vertritt. (*2)

Das Zeichensystem –Komposition- verweist nicht auf ein Objekt (außer auf sich selbst).
Eine Komposition leistet die Potenzierung von Abstraktion, weil sie Musik - ein schon abstraktes Phänomen - erneut abstrahiert und symbolisiert.
Dadurch potenziert sich auch die Interpretationsarbeit, indem sie einmal vom instrumentalen- aber auch gleichzeitig vom hörenden Interpreten (z.B im Publikum) geleistet wird. Diese Interpretationsleistung hat auch Einfluß auf den gesellschaftlichen Diskurs und damit wieder ein feedback zum Komponisten - ein Werk verändert die Interpreten, die Interpretation variiert und verändert unmittelbar das Werk und als Folge möglicherweise die Haltung und Handlung des Komponisten.
Interpretation wird somit eine Sprache, weil sie eine quasi interpersonale Form von Zeichenverhalten / Abstraktion darstellt.

Neben den rein syntaktischen also formalen Wert der Komposition als Zeichensystem gesellt sich ein pragmatischer Wert, der die Beziehungen dieses Systems zu den potentiellen Empfängern betrachtet z.B. die Anwendung, die Wirkung, den historischen Standort, die Entwicklung, die Positionierung im gesellschaftlichen Diskurs.
Da sich Diskurs, gesellschaftliche und historische Bedingungen und Beziehungen in ständiger Veränderung befinden und diese wiederum Einfluß auf die Pragmatik eines Zeichensystems haben, entsteht ein rekursiver Prozeß, in dem Zeichensystem und Interpretation sich wechselseitig beeinflussen.
Es gibt keine kausale Linearität, sondern historisch anthropologisch selbstreferenziellenInformationstransfer im gesellschaftlichen Diskurs als Regulativ.


Innerhalb der Notwendigkeit, Zeichen zum Versuch von Kommunikation gebrauchen zu müssen, lösen diese sich je nach Kontext und in der kulturellen, gesellschaftlichen Veränderung in ein Geflecht sich ständig neu strukturierender Korrelationen quasi auf.

In der modellhaften Gegenüberstellung Komponist / Interpret objektivieren und konstituieren sich ALLE in einer Kultur, die schon vor ihnen da war.
Ihr "Ich" ist schon kulturelles Produkt einer sich ständig im Wandel befindenden Entwicklung – einer Geschichte.
Indem ich mich mit dem Subjekt meiner Äußerungen gleichsetze verliere ich meine Subjektivität, objektiviere mich in meiner Kultur, bin gewissermaßen in ihrer Prädispositon gefangen, aber verändere diese auch mit meinen Handlungen.

Ich möchte das Konzept einer autonomen Interpretation vorstellen als ein Werkzeug zur Erzeugung eines sich beständig verändernden Beziehungssystems zwischen kompositorischer Praxis und Interpretation.

Die Dekodierungsarbeit der Interpretation erfordert dabei Entscheidungen darüber,
auf welche Codes sich die Signifikanten eines Zeichensystems beziehen sollen bzw. akzeptiert bewußt das gleichzeitige Auftreten mehrerer oder sich widersprechender Bedeutungen. Interpreten können sich also auch dafür entscheiden, das Werk auf Grund von Codes zu verstehen an die der Komponist bei der Entstehung gar nicht gedacht hat. Diese Entscheidungsprozesse erzeugen eine autonome Mitverantwortlichkeit der Interpreten, macht sie zum Mit-Komponisten.
Mit Blick auf eine autonome Interpretation kann ein Komponist (nur) ein dynamisches System herstellen aber nicht unbedingt die Ergebnisse vorhersehen.
Die Praxis der autonomen Interpretation reicht dann von einer möglichst nah am
Objekt –Werk- orientierten Interpretation bis zum völligen Ignorieren der Partitur, das Werk wird dann nur noch zum Anlaß, Musik zu machen, Musik zu hören genommen.
Zwischen diesen beiden Polen wird es aber unzählige Möglichkeiten geben,
im "Land der Zeichen" (*3) zu wandern.
Um einige Beispiele und Anregungen zu geben kann dies in der Praxis so aussehen, daß Schlüsselwechsel möglich sind, es könnten die zu spielenden Stimmen innerhalb der Partitur frei gewechselt werden, das Tempo oder die Dynamik ganz unterschiedlich gestaltet werden. Es können Teile wiederholt oder auch weggelassen werden, Pausen können frei eingesetzt werden.
Der zeitliche Ablauf eines Stückes ist offen, man kann im Stück "springen".
Es ist möglich, eigenes Material, Präparationen und elektronische Verfremdungen
einzubringen. Auch die Instrumentierung kann verändert werden.
Man kann davon ausgehen, daß eine Aussage A genausoviel aussagt wie ihre Alternative Nicht-A, was bedeuten kann, daß z.B. ein Zeichen für eine Tonhöhe A
auch verstanden werden kann als stellvertretendes Zeichen für elf andere Nicht-A, die als Konnotationen sozusagen "mitschwingen": Transpositionen.


Dies soll keine generelle Kritik am Prozeß der Komposition propagieren.
Die autonome Interpretation stellt eine zusätzliche Möglichkeit der Kooperation dar und verstärkt lediglich den interaktiven, rekursiven Aspekt der Beziehung Komponist / Werk / Interpretation / Rezeption. Die Interpretation wird dabei zur Aneignung aber nicht zur Anmaßung, sie stellt in hohem Maße eine Wertschätzung des kompositorischen Prozesses und der Persönlichkeit des Komponisten dar, indem sie sich fundamental auf das Werk einläßt, quasi damit verschmilzt und die Arbeit radikal ernst nimmt.

Der Komponist kann dabei zum "unwissenden Lehrmeister" werden, der die Interpreten auf ihrem Weg bleiben läßt.
An die Stelle von Anweisung, Verstehen, Methode und Ausführung, treten
Befragung und Erraten, Übersetzung ohne eine Hierarchie von Wissendem zu Unwissendem. Es geht um Aufmerksamkeit und Wachsamkeit, eine Versuchsanordnung von Hypothesen:
"Erzähle mir die Form jedes Zeichens wie du die Formen eines unbekannten Objekts oder Ortes beschreiben würdest. Sag nicht, dass du es nicht kannst. Du kannst sehen, du kannst sprechen du kannst zeigen, du kannst dich erinnern.
Was braucht man mehr? Eine absolute Aufmerksamkeit des Sehens und Wiederhinsehens des Sagens und Wiedersagens.
Versuche nicht, mich zu täuschen und dich zu täuschen. Ist das wirklich das was du gesehen hast? Was denkst du darüber? Bist du kein denkendes Wesen?
Oder denkst du, Körper zu sein? (...) Du hast eine Seele wie ich." (*4)
Ein Ensemble ist dann kein Klangkörper mehr, sondern eher ein Reflektor.
Reflexion verstanden als Rückübersetzung eines Werkes und damit auch als Rückkehr zu sich selbst. Die materielle Idealität einer Komposition sowie die eigenen Bedingungen der Reflexion müssen dabei immer wieder verifiziert und damit aktualisiert werden.
Die Distanz und Dualität von Werk und Interpretation soll in der Autonomie des Einzelnen vermindert werden.
Es gibt dabei keine Wahrheit zu sagen oder zu erkennen, diese wird vielmehr von jedem Einzelnen auf eigenen Bahnen umkreist aber nie erreicht.

(*1) Antonin Artaud
Le Thèâtre et son double, Oeuvres Complétes IV, 14
(*2) Umberto Eco 1977
Zeichen, Einführung in einen Begriff und seine Geschichte, S. 31
(*3) Jaques Rancière 2009
Der unwissende Lehrmeister, S. 43
(*4) ebd. S. 35


Michael Renkel, Berlin, Juli 2009
www.renkel.org































































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