Konzept : Vermeidung einer Suche nach Konsens, der in letzter Konsequenz in Uniformität endet, sondern Dissens und radikale Pluralität sollen die Musik ausmachen. Es geht nicht um das Ringen um Einheit sondern um Erzeugung von Vielheit, Pluralität von Sprachen, Modellen, Verfahrensweisen, Erfahrungen, Ideen und ihrer Gleichzeitigkeit.
So, wie Einheit in letzter Konsequenz zu Uniformität mutieren kann, so besteht die Gefahr, daß radikale Diversität in einer Art Atomismus also zusammenhangloser Pluralität(*1) endet, das bedeutet, es müssen im musikalischen, kommunikativen Prozess Verbindungen geschaffen werden, die Integration oder eine Art offene Einheit schaffen.
Das Zeitverständnis erlebe ich in diesem Zusammenhang als einen zentralen Punkt.
Die Zeit wird nicht mehr unilinear betrachtet, der Moment ist Komplexion vieler möglicher Ursprünge, es bestehen immer mehrere Möglichkeiten. Geschehen bekommt den Charakter von Ereignis. Der Möglichkeitscharakter der Momente rückt wieder in den Blick. Kalkül wird durch Ereignis, Berechnung durch Betreffbarkeit und Plan durch Widerfahrnis abgelöst. Differenzen zeigen sich als Elixier von Realität, Leerzonen der Unbestimmtheit erweisen sich als Verbindungsmedium und Energiepotential.(*2)
Zeit als pulsierende Grauzone, nicht mehr als Zeitpunkt, sondern als Fläche und Übergang von unendlich vielen Ursachen zu unendlich vielen Wirkungen betrachtet, diese Unschärfe ist für mich der Grund, daß sich bei Konzerten das Gefühl für Zeit verändert und selbst 5-stündige Aufführungen tragfähig bleiben. Im Thema der Unschärfe und Unbestimmtheit, in der Idee, daß jede Art von Sprache also auch die musikalische von Ambiguität, Ungewissheit, Möglichkeit und Wahrscheinlichkeit geprägt ist sehe ich eine Chance zur Befreiung.
Nicht der Mensch ist Herr der Sprache, sondern die Sprache ist strukturell und ereignishaft vorgängig, und der Mensch tritt in das von der Sprache eröffnete Spiel nur ein. Ein Satz geschieht ... es kommt darauf an, den menschlichen Anthropozentrismus hinter sich zu lassen(*3)
Die Kritik des Anthropozentrismus hat vor allem die Instrumentalisierung der Sprachauffassung und die Reduktion von Sprache zu Information im Visier. Die Befreiung aus dem kalkulierenden Denken und die Entfunktionalisierung von Sprache (und Musik ) können zu einer Poesie führen, die feiert, daß wir nichts besitzen. ( Cage )
Es werden nicht Dinge in eine Ordnung gebracht, sondern Leerstellen und Widersprüche provoziert, die zu einer Art informeller Musik führen deren Kategorien und Erfahrungen Spur, Fährte, Bahnung und der Aufschub des Sinns sind. In diesem Abstand von der Wirklichkeit liegt die Möglichkeit, Neues zu entdecken, gangbare Wege zu erschließen.
Bei J.F.Lyotard heißt das : Legitimierung durch Paralogie.(mr)
* Wolfgang Welsch Unsere postmoderne Moderne Berlin 1997
*1 S.189
*2 S.247
*3 S.249