Das Montaigne - Projekt
Grenz-Übergänge - Versuch einer Essayistischen Musik
Ein Beobachter ist von den Objekten getrennt,
Individuen sind voneinander getrennt:
Eine Grenze
Ein Beobachter beeinflusst / impliziert mit seinen Eigenschaften und Bedingungen das beobachtete Objekt:
Ein Übergang.
"Es bleibt nichts übrig, wenn die Eigenschaften des Beobachters
( nämlich beobachten und beschreiben ) ausgeschlossen werden."*1
Im Essay ist der Beobachter auch zugleich Objekt der Betrachtung das sich unter dem Einfluss des Blickes stetig verändert und erst im eigenen Tod (Grenze und Übergang) ein Ende findet.
Es entsteht eine Zirkularität und ständige Übergänge in die
ein Leser / Zuhörer mit einbezogen werden.
Der Essayist nimmt sich selbst als Ausgangspunkt, um zum Unbekannten,
Nicht - Festgelegten und Überraschenden zu gelangen, anhand der Beschreibung eines Gegenstands zeichnet er sein fließendes, entgleitendes Portrait, das eines sich entwickelnden Menschen,
der nie fertig ist. *2
Innerhalb einer Subjekt - Objekt Implikation gerät die Welt in Bewegung, das Denken führt zu immer neuen Entdeckungen, zu Steigerungen, Metamorphosen.
"Nichts ist konkret definierbar, das ist die Beunruhigung die davon ausgeht: Es gibt nichts festzuhalten, der Essayist in seinem Wandel erlebt die Dinge so vielseitig, dass er immer nur einen Blickwinkel, einen Gesichtspunkt annimmt, um die Dinge zu berühren und an ihnen zum Denken zu kommen und sich selbst zu finden,
es entfaltet sich ein Prozess, in dem die Gegenstände quasi flüssig werden und die Linien des Portraits verwischen, weil der Essayist sich lebend sieht ist er niemals der Selbe, alles ist Übergang, nichts wirklich gesichert."*2
"Nicht bloß der Wind der Zufälle bewegt mich nach seiner Richtung, sondern ich bewege mich noch obendrein, und krümme und winde mich noch selbst, nach der Unsicherheit meiner Lage. Und wer nur genau im Anfange darauf merkt, wird sich schwerlich zweimal in völlig einerlei Lage befinden.
Ich gebe meiner Seele bald dieses Gesicht, bald ein andres, je nachdem die Seite beschaffen ist, wohin ich sie kehre. Spreche ich auf verschiedene Weise von mir, so geschieht es, weil ich mich auf verschiedene Weise betrachte. Es finden sich hierbei alle Widersprüche; je nachdem die Wendung ist, je nachdem die Umstände sind."*4
Auf einem Essay-Begriff Montaignes konstituiert sich was man
essayistische Musik nennen könnte :
An die Stelle von Beobachtung, Beschreibung tritt zuhören / wahrnehmen, agieren, reagieren im musikalischen Kontext, in der Gruppe.
Die beteiligten MusikerInnen nehmen sich selbst als Ausgangspunkt, um mit ihren Aktionen den musikalischen Verlauf, die Komposition und die Situation zu verändern, was mit der Reaktion der anderen wiederum die eigene Situation verändert und so neue Impulse, Reaktionen provoziert.
Der Zuhörer ist in diese Zirkularität mit einbezogen indem er ( wiederum sich als Ausgangspunkt nehmend ) das Geschehen deutet, beobachtet,
sich mitziehen lässt, skeptisch einen Prozess in Gang setzt.
Komposition gerät in Bewegung
(was Umberto Eco als mobile Komposition bezeichnet hat)
Es entstehen ständige Übergänge, ein Fließen, ein Perpetuum Mobile, das nie fertig und (theoretisch) unendlich ist. Tradition ist gegenwärtig,
aber in Bruchstücke aufgelöst.
Zwei Sprecher (Fernanda Farah und Sven Åke Johansson) interpretieren im musikalischen Zusammenhang die literarische Vorlage eines oder verschiedener Essais.
Ebenso wie Montaigne zu seiner Zeit Fragmente römischer und antiker Literatur aufgreift und daran seine Skepsis entwickelt, wird der Text der Essais in Fragmente zerlegt, und diese bruchstückhafte Vorlage liefert das Material für die beiden Sprecher-Performer im musikalischen Geschehen adäquat mitzutun.
Der Text soll nicht gelesen werden, es muss noch nicht einmal explizit ein Montaigne Text erkennbar vorkommen.
Die Beschäftigung damit provoziert lediglich eigene Gedanken, der Text gerät in Bewegung, der Performer zeichnet sein / ihr eigenes Portrait.
"Noch niemals haben zwei Menschen über eine Sache völlig gleich geurteilt, und es ist unmöglich, zwei völlig ähnliche Meinungen zu finden, nicht nur bei zwei verschiedenen Menschen, sondern bei ein und demselben Menschen, nur zu verschiedenen Stunden." *3
"Die Folgerung, welche wir aus dem Zusammentreffen der Erscheinungen ziehen, ist unsicher, weil die Erscheinungen allemal verschieden sind .
Nichts ist in den Verhältnissen der Dinge so durchgängig allgemein als Verschiedenheit und Veränderung.*3
Und es befindet sich ebensoviel Verschiedenheit zwischen uns und uns selbst als zwischen uns und andern."*4
*1) : Heinz von Foerster, KybernEthik,
*2) : Ralph-Rainer Wuthenow, Selbsterfahrungn und Skepsis, Die >Essais< von Michel de Montaigne
*3) : Michel de Montaigne, Essais, III,13 De l'expérience
*4) : Michel de Montaigne, Essais, II,1 De l'inconstance de nos actions